Badegärten und Bierseen
Sommerlochreport 1987

Wieviel Colibakterien passen in ein Weisenbierglas und welche Schwimmflossen zu welchem Biergarten? Kann es eine schizophrenere Situation geben als diese: in zwei Biergärten gleichzeitig zu sein und weder im einen noch im anderen etwas Trinkbares zu haben? Es kann.
Eine Promenade zum "Summer in the City", durchgeführt vom ELEPHANTENKLO-Badegärten & Bierseen-Team, Rufus "The The" Firefly und Alois "TV Eye" Schloder.

Prolog
Freitagnachmittag, Redaktionsbüro. Alois Schloder: "Vielleicht sollten wir jetzt mal was machen, statt dasitzen und Zeitung lesen, oder?"
Rufus T. Firefly: "Ganz genau." Ersterer schreitet von dannen, eine Flasche Sekt, die "eigentlich nicht schaden" könne, zu besorgen, um den Nebel der zurückliegenden Ereignisse kräftig aufzuwirbeln.
Kurz darauf. Firefly schaut in der Redaktionslaborküche nach dem Sekt, der unter fließendem Wasser der Trinktemperatur nähergebracht wird. Der knallende Korken lockt Zaungäste ins Büro. "Der ist ja noch lauwarm", wird gelästert. Aber Hauptsache, er fließt; ebenso  wie die Sommerservicewelle für die Daheimgebliebenen...

"Büro"
Ohne Spesenkonto im Rücken läuft das Badegärten- & Bierseen-Team in der ersten Teststation ein, dem "Büro". Für Lesartunkundige: sprich "Bürro" (Betonung auf der ersten Silbe). Dabei handelt es sich um die mitten im Seltersweg gelegene "Nordsee"-Fischrestauration mit Freisitz in der Wolkengasse. Zugegeben, der Guide Michelin würde nicht ohne weiteres hier einkehren. Dennoch, oder: gerade deswegen, wird hier ein nicht unbeträchtliches Stück rot-grüner Gießener Kommunalpolitik gemacht. Als das BG & BS-Team eintrifft, ist eine illustre Runde bereits mit dem Thema umwelt- und anwohnerfreundlicher Straßenreinigungsmaschinen befaßt. Die neue Generation (Marke Renault) sei zwar, so der städtische Abfallberater, leiser, dafür könne dieses Gefährt nicht so nahe an die Hauswände heranfahren, außerdem habe es keinen Sauger. Der anwesende Stadtrat sinniert unterdessen über die Taubenplage nach und will Enten und Schwänen am Schwanenteich die Ärsche zustopfen (lassen?), weil sie alles verscheißerten. Bei soviel Animalischem kann sich der Ex-AStA-Referent und jetzige Rechtsreferendar nicht zurückhalten und bestellt für DM 5,95 einen Rheinischen Heringsstipp.
Beliebtes Gesprächsthema im "Büro" ist ein ums andere Mal die Dünnsäureverklappung. Darunter hat man resp. frau sich 0,5 Liter Bier, Marke Binding Export, vorzustellen. Da dieses nahezu ohne Eigengeschmack ist, muß es der Nordsee-Kette als Verdienst angerechnet werden, dieses Manko durch wohltemperierte Gläser mit Eigengeruch wettgemacht zu haben. Eine Leistung, an der die Frankfurter Großbrauerei sich ein Beispiel nehmen sollte. Einigkeit herrscht, nachdem der Grund der Anwesenheit des BG & BS-Teams klar wird, darüber, daß die Toilettenhygiene im Hause vom Feinsten ist. Und darauf wäre beim ersten Hinsehen so schnell niemand gekommen. Jawohl.
Derweil hat man vom Freisitz aus guten Einblick ins vorabendliche Seltersweg-Geschehen, wo nebenan, bei "Aldi", noch geraume Zeit nach 18.30 Uhr die Plastiktüten mit Schraubverschluß herumgereicht werden. Das Nahen der umweltfreundlichen, wenngleich unerbittlichen Kehrmaschine bereitet indessen auf den Kehraus auch im "Büro" um 19 Uhr vor.

"Haarlem Biergarten"
Bevor das BG & BS-Team die nächste Station, den "Haarlem Biergarten" in der Schanzenstraße ansteuert, gelingt es, E-KLO-Gelegenheitsautor Pat Cash als Verstärkung anzuheuern, nachdem Barmin Trost sich derzeit einer Mineralwasserkur unterzieht. Solcherart mit frischem Schwung versehen, nimmt man unter dem pferdestallartigen Verschlag Platz. Das Ambiente hier wirkt rustikal, viel Grünzeug wuchert aus allen Ritzen. Unter den Füßen Kopfsteinpflaster und darunter wohl der Strand. Alois Schloder mißfällt das dilettantisch verputzte Mauerwerk mit Öffnungen zur Straße hin, das dem Ganzen zwar ein haciendamäßiges Flair verleiht, andererseits aber ein Gefühl von Abgeschlossenheit vermittelt. Der Kelch der Stadtsanierung ist jedenfalls an dieser Ecke bislang vorübergegangen. Bierpreis (0,4 l DM 2,80) und Qualität (Licher) sind umgekehrt proportional zur vorigen Station und werden vom Hippiepublikum dankbar angenommen. Weder Gäste noch Umgebung vermögen dagegen den rastlosen Augen des Testerteams auf die Dauer viel zu bieten. "Die schönsten Frauen gibt's im Kroko", bemerkt Pat Cash lauernd. Dafür kann die "Bequemlichkeit", vulgo Scheißhaus, sich einigermaßen sehen sehen lassen. Es "muffele", berichtet Cash nach erfolgter Inaugenscheinnahme. Außerdem fehlten Klosprüche.
Die nächste Station ist strittig. Durch Pat Cash's Bemerkung hellhörig geworden, ist Firefly nun einem Besuch des "Krokodils" nicht abgeneigt, während Cash kategorisch seine weitere Mitwirkung davon abhängig macht. Alois Schloder ringt mit sich. "Auf gar keinen Fall" will er dahin. Nostalgische Regungen an das frühere "Licher Eck", jetzt "Krokodil" bzw. "Lakotz" (im Volksmund), und die Aussicht, dort gewisser Unpersonen gewärtig zu werden, waren bei ihm bisher für einen Totalboykott ("Ich bin ja an sich kein so prinzipientreuer Mensch, gell...", Zitat Schloder) ausreichend gewesen.
Als aber das "Haarlem"-Bier zur Neige geht und den weiteren Testverlauf vor Augen, gibt er doch nolens volens sein Plazet. Wahrscheinlich säße er sonst heute noch dort [im "Haarlem", Anm. d. Red.].
 


"Krokodil"

Hegels Satz vom "Ende der Kunst", Börners "Ende der Fahnenstange" und Pat Cash's Andeutung "schöner Frauen" im Ohr trifft das Team im Alten Wetzlarer Weg ein. Mit ingrimmiger Befriedigung stellt Schloder, als er nach rund vier Jahren das bekannte Terrain wieder betritt, fest, daß die Eingangstür des Lokals noch die alte ist, nur blau statt grün (wie "Gießener" im Vergleich zu "Licher"). Ein Platz findet sich, obgleich der Biergarten (Vorderteil) schon gut frequentiert ist. Im Erweiterungsteil um die Ecke geht es dafür eher frugal, wie im Eisenbahnabteil 3. Klasse, zu - kahle Wände, Sonnenschirme statt Laubbäume und Hecken. Diese ersparen den Observanten erfolgreich den Anblick diverser Off-Road-4WD- und Porsche-Cabrio-Spezialisten wie z. B. vor der "Zwibbel". Es ist wesentlich ruhiger hier. Der "Krokodil"-Biergarten ist schon ein begnadetes Fleckchen in Gießen. Und zu sehen gibt es allemal genügend. Zahnärzte und Anwälte in spe, schöne Lacoste-, Esprit- und Sash-Boutiquenmenschen, bisweilen mit Köfferchen im Arm und Küßchen auf Mund. Nur, wo sind die "schönen Frauen"? "Wenn sie irgendwo sind, dann hier", insistiert Pat Cash weiter.
Nun, die Zeit ist kostbar und knapp bemessen. So kann das BG & BS-Team die Ankunft angeblich "echter" (?) Yuppies nicht mehr abwarten, zumal am Nebentisch tatsächlich ein leibhaftiger ehemaliger Hausbesetzer Platz nimmt, ein Mitglied der "Neuen Gießener Kulturinitiative" sich einfindet und ein bekannter ausländischer Kneipenbesitzer den Biergarten "zufällig, zum zweiten Mal in diesem Jahr" aufsucht, um hier "in Ruhe" eine internationalistisch-revolutionäre Zeitschrift zu studieren. Unglaubliche Zufälle, aber alles schön anzusehen. Viel sagende "Ah-sos" weiß er geschickt mit einer - allerdings völlig unplanmäßigen - zweiten Runde zu kontern, was Zeitplan und Additionskünste der netten Bedienung vollends durcheinander bringt. Trotz des ohnehin stolzen Bierpreises (0,4 l DM 3,40; Hefeweißbier DM 3,80) zieht die Frau am Ende mit einem Zubrot in Höhe von DM 2,40 davon - was vom erweiterten BG & BS-Team auf Kulanz verbucht wird -, Rufus T. Firefly hingegen mit geschätzten 1,4 Promille.

"Kastaniengarten"
Den Rundgang ohne Fahrzeug zu bestreiten, war insofern nicht dumm, wenn diese Tatsache auch zum einen den zunehmenden Zeitdruck verstärkte [Sperrstunde!, Anm. d. Red.] und zum anderen die Möglichkeit verbaute, den "Kastaniengarten" (in der Bahnhofstraße zwischen Westanlage und Kinocenter) drive-in-mäßig zu gebrauchen und mit dem Wagen bis ran an den elektrischen Goldfischbrunnen [?? Anm. d. Red.] zu fahren.
Doch zunächst gilt es, die Toilettenanlage zu Fuß anzusteuern. Auf dem Lokus, souterrain in den "City Bowlingbahnen", herrschen die Temperaturen einer Pommes-Frites-Siederei, da sollte das Bierchen gut kommen. Allein, das Altbier für Genossen Schloder fließt aus der Flasche statt vom Faß und auch sonst zeichnet der Kastaniengarten sich durch das Fehlen jeglicher Perspektive (Hinterhof) aus, am sinnfälligsten demonstriert durch allerhand, von keinerlei perspektivischer Technik getrübter Wandmalereien: so am köstlichsten am Beispiel eines Flußdampfers, der ganz offensichtlich "stromabwärts" einen Wasserfall hinunterfällt. Vaters Partykeller läßt grüßen. Inmitten geeigneter Gesellschaft könnte da schon Stimmung aufkommen. So dämmert es dem BG & BS-Team, warum es hier allein am Tisch sitzt.Aber Alois Schloder hatte ja gewarnt. Die Bezeichnung "Kastaniengarten" im übrigen ist ein 1-A-Euphemismus. Stünde die einzige Kastanie nicht auf dieser Seite, sondern jenseits der Mauer, hieße der Hof vermutlich trotzdem so.
Rufus T. Firefly läßt nonchalant Asche auf das Pflaster fallen (nur im "Kroko" gab es Kieselsteine), und prompt steht überflüssigerweise ein zweiter Ascher auf dem Tisch, verbunden mit dem freundlichen Hinweis auf dessen Zweckbestimmung. Worauf er, nachdem ihm dieses Mißgeschick ein zweites Mal unterläuft, in einem Anfall alkoholbedingter Paranoia in den rings umher sitzenden Gästen plötzlich nur noch Zivilbullen wähnt, die lediglich auf den nächsten und dann gnadenlos letzten Fauxpas des BG & BS-Teams lauern. Atemlose Spannung - was, wenn er jetzt die nackten Füße in den Goldfischbrunnen hielte? Ein Fischsterben wäre das Allergeringste.
Die Spannung löst sich, denn aus der musikalischen Hintergrundberieselung sticht ebenso unerwartet wie unpassend The The's "Infected" hervor, was das restliche Biergartenpublikum jedoch ebenso souverän ignoriert wie es sich diverse, mit US- und anderfarbigen Fähnchen versehene Mahlzeiten schmecken läßt.
"Andechser", "Zwibbel", "Brezel"
Dies und die neckermannkatalogmäßige Gemütlichkeit von der Stange sind nicht dazu angetan, den beiden verbliebenen BG & BS-Testern das Verweilen schmackhaft zu machen, wenn man sich solchen Reizen auch im Zuge des 60ties Revivals gelegentlich lustvoll hingibt.
Die Zeit drängt. Die Blase drückt. Firefly nimmt ein erneutes Schwitzbad auf der Toilette.
In der Westanlage treffen sie auf einen verstörten Gießener Künstler, der zwar seine Perspektive gefunden, dafür aber Trinkgenossen verloren hat. Er kann beruhigt werden, im "Kastaniengarten" sind sie nicht.
Gegen 23 Uhr Ankunft im "Andechser Biergarten" in der Ludwigstraße. Der Biergarten ist nicht nur so neu, daß man förmlich die Flüche der Maurer und Plattenleger zu hören glaubt, sondern auch unscheinbar, hinter dem "Apfelbaum", gelegen. Bei Tageslicht ist es grauslig. Verbundsteinkultur rules O.K. Dazwischen ragen verzagt Klinkersteine des Gießener Kunstmaurers Dieter P. Hangauer, 2 Jungbäume sowie eine Art Zierguillotine gegen den Beton an. Des Nachts sorgt immerhin die Lichtarchitektur für ein Minimum an Atmosphäre.
Die wenigen Tische sind voll besetzt. Das BG & BS-Team begeistert sich an einigen Psychobillies, die man hier nicht erwartet hat. Auch sonst durchwachsenes Publikum. Eine ehemalige AStA-Referentin stürzt wegen irgendeiner Sache auf die beiden ein. Die Orientierung fällt noch etwas schwer; doch der eigentlich Zweck des Hierseins ist perdu: die Theke hat zu.
Der arme Mensch und Betreiber des "Andechser" hat bereits öffentlich über die schreiende Ungerechtigkeit geklagt: Durch "Verlängerung der Sperrzeit" auf 22 Uhr ist er gezwungen, seinen Biergarten dann dichtzumachen, wenn das Gros der plein-air-Freunde mal gerade aus allen Himmelsrichtungen anrückt, um sich beim Nachbarn "Zwibbel" gegenseitig auf die Zehen und Knitterfalten in die Boss-Klamotten zu drücken. Hier gilt er wieder, der Satz von der "ersten Bürgerpflicht", hat die Marktwirtschaft Ruh' und darf der eine Garten, wg. Bestandsschutz, auflassen, wo der andere zwei Meter weiter, wg. Lärm, die Nachtruhe zu respektieren hat. Zu spät gekommen, Pech gehabt. Oh, grausames Schicksal: ist jener nur nachmittäglich zu ertragen ("Zwibbel"), so [ist] dieser ["Andechser", d. Red.] just dann geschlossen, wenn er am nötigsten gebraucht würde.
Das ist selbst für das erprobte BG & BS-Team zu viel. Gerne hätte es dem nämlichen Starkbier im "Andechser" zugesprochen. Stattdessen ereilt es ein neuerlicher Kehraus, während jenseits der Mauer die "Zwibbel" ihre Zahnis bleckt [Zahnmedizinstudenten, d. Red.], die den Tresen bewachen. Sinnloses Unterfangen, dort anzustehen; um sich da durchzustrampeln brauchte es schon die Quadratlatschenflossen des Jack Arnoldschen "Schrecken vom Amazonas", oder ...
Da meldet wie aus dem Orkus der Magen ein Hungerbedürfnis an, dem das Team sofort entschlossen in einer überdachten Bierkneipe im Riegelpfad nachkommt ["Brezel", Anm. d. Red.].
Eine schläfrige Stimmung und eine Handvoll Gäste langweilen dort die blondsträhnige Zapferin hinter der Theke - Sommerflaute. Aber Essen und Getränke kommen, wie auf der Gegenseite der Blitzbesuch des BG & BS-Teams hier, gut an, ja, bauen sogar auf für die unweigerlich letzte Station der Teststrecke, die das Team noch vor sich hat. Man will ja allmählich selbst zur Ruhe kommen.

"Alte Kate" und "Avoid Hangovers..."
An der Alten Unibibliothek wartet noch die "Alte Kate" mit wenigen Tischen vorm Eingang. Aber was für ein Bild des Jammers: zwei, drei unbesetzte Tische halten ihre Resopalplatten umsonst gerade, auf einem steht noch anklagend ein leeres Bierglas... Aber vielleicht gilt es nur, neue Kontinente zu entdecken.
Glücklicherweise erinnert sich Firefly in diesem trübsten aller Augenblicke an ein Motto, das er Tage zuvor gelesen hatte: "Avoid hangovers, stay drunken".
Und so gelangt das BG & BS-Team nach mühevollem Fußweg ans Ziel des Abends. Wohin, sei an dieser Stelle verschwiegen. Nur soviel, es handelt sich um ein Lokal in der Ludwigstraße, dessen Wirt Wert legt auf die Feststellung, sein Betrieb habe keinen Biergarten ["Oktave", hähä, Anm. d. Red.].
Das Testteam war's auch so zufrieden und ließ sich auf der Vortreppe nieder.

(aus: ELEPHANTENKLO Nr. 8/1987)

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