Gießener Kulturbrause

ELEPHANTENKLO Nr. 136, 25. Januar 1983
(die erste Kulturbrause)


Unter dieser Überschrift sollen regel- oder unregelmäßig, wie's grad kommt, Neuigkeiten und vor allem Konzert- und ähnliche Ankündigungen aus dem sog. Kulturleben von Gießen incl. näherer und auch fernerer Umgebung Erwähnung finden.
Da ja in Gießen kaum eine Sau die Musik-, Theater- und sonstigen Gruppen kennt, die hier oder irgendwo in erreichbarer Nähe auftreten, werden diese gelegentlich mit ein paar Sätzen vorgestellt (sofern wir Infos von den Veranstaltern kriegen oder wir uns selbst auskennen). Ähnliches gilt für Filme und diverse sonstige kulturelle Ereignisse, die uns oder auch euch (Beiträge sind, wie auch sonst im E-Klo, immer erwünscht) wichtig erscheinen. Es soll sich bitte keiner beschweren, wenn hier auch was über Konzerte u. ä. in Frankfurt, Marburg etc. drinsteht, denn Gießen ist ja bekanntlich nicht der Nabel, sondern der Arsch von Hessen, und öfter muß man in die Ferne schweifen, da das Gute selten nahe liegt. Wir werden uns trotzdem bemühen, den Schwerpunkt auf Lokales zu legen. In diesem Zusammenhang weisen wir auch darauf hin, daß zu "Kultur" ziemlich viel gehört, deshalb soll sich keiner wundern, wenn hier auch mal Dinge stehen, z.B. Fressen, Saufen, Kneipenscene, Gießener Gerüchteküche u.ä. betreffend, die auf den ersten Blick nicht hierher zu gehören scheinen. Im weitesten Sinne versteht sich diese Rubrik auch als eine kommentierende Ergänzung zu unserem Veranstaltungskalender.
PS: Für die Qualität von uns hoch gelobten Veranstaltungen, Bands, Filmen, Kneipen und anderen Sachen übernehmen wir keine Garantie, evtl. vorkommende Beleidigungen und Bösartigkeiten sind durchaus beabsichtigt und dienen unserer und hoffentlich auch des Lesers Erbauung.


Zuvörderst will ich mal wieder auf die von mir hochgeschätzten Amcar-Stuben* hinweisen, die all denjenigen, die gerne am Tisch sitzen und sich nicht von auf Partnersuche befindenden und aus dem Hals nach Alkohol stinkenden Menschenmengen erdrücken lassen wollen, eine Alternative bieten. Wer ohnehin mit dem Auto zur Kneipe fährt, kann auch mal eben nach Klein-Linden rausfahren, dauert nur drei Minuten, es soll auch Busse geben, die den Transport vornehmen. In den Amcar-Stuben gibt es auch mittlerweile richtiges Essen, hergestellt von Küchenchef Jochen, weder griechisch, noch chinesisch oder gar italienisch. Flipper, Billard und Kegelbahn dienen der sportlichen Betätigung, und ab und zu gibt es dort sogar Live-Musik, falls sich einer was darunter vorstellen kann. Die Thekenbesetzung bringt, obwohl sie tagsüber anstrengend betteln gehen muß, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, sogar das Bier an den Tisch, es enthält richtigen Schaum. Dies sei gesagt für die Brezel-Besucher**, die Schaum auf dem Bier für eine chemische Verunreinigung halten könnten, da sie sowas nicht kennen. In den Amcar-Stuben läuft auch ständig meist gute Musik, während in der Brezel viele Gäste das ständige Geräusch der Klimaanlage für Musik halten.
Eine Veranstaltung am 29.1., 20 Uhr verspricht, besonders interessant zu werden: "Anläßlich des 50. Jahrestages am 30.1....erlauben wir uns, die Gruppe "Nachtschicht" anzubieten. In ihren Stücken nehmen sie u.a. Bezug auf Firmen und Leute, die im 3. Reich gut Kohle gemacht haben und gegenwärtig damit beschäftigt sind, dieselbe zu vermehren. Ebenso wird auf Kampfstoffherstellung damals/heute eingegangen." Dies schrieb uns der Willi von den Amcar-Stuben und ich füge noch hinzu, daß "Nachtschicht" Rocktheater macht und der Titel ihres Programms "Steinreich" lautet. Der Eintritt beträgt lumpige 6,- DM im Vorverkauf, wer zu faul ist, sich die Karte vorher zu besorgen, muß an der Abendkasse 2,- DM drauflegen.
Am 5.5. spielt dann die Gruppe "Sonderangebot" (5,- DM Eintritt) in den Amcar-Stuben, Softrock angeblich, nun denn, wer drauf steht...
Die "Hallucination Company" gibt am 7.2., 8.2. und 9.2. gleich 3 Gastspiele in der Frankfurter Str. 288.
Am zweiten Februar um 20 Uhr im Audimax wird Meister Vollenweider, Andreas, die Harfe bearbeiten, auf daß den Zuhörern Flügel wachsen. Was für Leute, die Musik für Kunst halten und auf Klassizismus abheben. Sowas ist natürlich nicht gerade billig: 16 DM im Vorverkauf, 18 an der Abendkasse.
Wohl bekomm's!

Für Bücherwürmer, -sammler oder Menschen, die antiquarisch irgendwelche staubigen Wälzer oder Schmöker suchen, empfehlen wir das "Kleine Antiquariat" in der Steinstraße 37. Der Laden ist nicht größer als das Klo von Direktor Sommerlad und von unten bis oben mit bedrucktem Papier vollgestapelt. Wenn sich mehr als 4 bis 5 Personen drin aufhalten, wird‘s ungemütlich, aber sonst macht das Stöbern Spaß. Ich deck mich dort mit meinen Krimis ein, ab und zu hat‘s auch billige gebrauchte Platten.
Schweifen wir dann gleich, wie im Vorwort angekündigt, mal in die Ferne: In Mainhattan/Bankfurt in der Maybachstr. 24 befindet sich die "Batschkapp", und dort treten am 2. Februar um 21 Uhr "Eyeless in Gaza" auf. "Melancholie auf dem Computerschrottplatz", schreibt die Batschkapp, ist das, was sich beim Anhören dieses Duos einstellt. "Man meint, die 'Moody Blues' würden durch die Welt eines Blade Runner irren...Vordergründig erscheint ihre Musik als Psychedelic: langgezogene instrumentale Passagen, chorusartige Gesänge usw. - aber etwas ist in den Harmonien, daß dich nicht mehr abheben läßt." Hoffentlich sind das alles keine leeren Drohungen, und wenn ihr hinfahrt, paßt auf, daß ihr auf dem Rückweg nicht von der Autobahn abhebt.

Eh ich's vergesse, der Besuch der Prinzessin Margarete*** in Giessen fällt leider Gottes aus. Die Dame ist krank. Wahrscheinlich hat sie sich beim Aussteigen aus der Kutsche den Knöchel verstaucht, oder ist bei der Jagdgesellschaft für ein Rebhuhn gehalten und angeschossen worden. Die Ärmste. Müssen wir uns halt mit dem Giessener Anzeiger, der Giessener Allgemeinen und dem Goldenen Blatt begnügen.

Bis zum nächstenmal
Dr. Muffel

* Amcar-Stuben, Ehemalige Gaststätte mit Veranstaltungssaal, Klein-Linden, Frankfurter Str. 288.
** Brezel, ehemalige Gaststätte im Riegelpfad, zwischen Ebel- und Ludwigstraße. Der Autor wurde dort in späteren Jahren Stammgast
.
*** Richtig: Margaret von Hessen und bei Rhein (1913 - 1997), Adelige aus dem "Haus Hessen"
ELEPHANTENKLO Nr. 142, 19. April 1983

Was liest der kulturinteressierte Mensch, vornehmlich wenn er sich für die sogenannte "populäre Musik" interessiert? Im Januar ist mit der Hamburger "Sounds" die wohl wichtigste überregionale Musikzeitung dahingeschieden. Die sinkende Auflage (zuletzt 28.000) und die Krise der Plattenindustrie hat den Verleger dazu bewogen, "Sounds" und den im selben Verlag erscheinenden
"Musik-Express", mehr teenie-orientiert, zu verkaufen. Der neue Schweizer Verleger Marquardt hat die beiden Zeitschriften zusammengelegt, herausgekommen ist ein Blättchen, das in der Qualität nicht etwa zwischen Sounds und ME liegt, sondern noch weit unter das alte ME-Niveau gesunken ist. Knallig, poppig, vierfarbig und inhaltlich restlos hanebüchen wird hier Promotion-Geschwätz der Plattenindustrie nachgebetet. Was auf dem eigenen Mist wächst, besteht aus nichtssagendem und manchmal gar in sich widersprüchlichem Bla-Bla über Stars und Sternchen. Wie halten die paar Schreiberlinge, die früher zum Teil auch mal interessante Artikel verfaßten, diese Prostitution aus? Die wirklich ernstzunehmenden Redakteure haben allerdings mit der Transaktion ihren Arbeitsplatz verloren.
Lesbar ist zur Zeit eigentlich nur noch das Kölner Magazin "SPEX - Musik zur Zeit", das monatlich für DM 3,- erscheint. In Gießen ist das überformatige und stilistisch anspruchsvoll layoutete Blatt nur in der Bahnhofsbuchhandlung erhältlich (und das unregelmäßig) oder halt direkt im Abo (12 Hefte 35,- DM, Spex, Zugweg 10, 5000 Köln 1).*


Wenden wir uns den heimatlichen Presseorganen zu, die zum Teil auch per "Jugendseite" oder Veranstaltungsseite musikalisch-kulturelles verbraten. In Bezug auf Debilität und offene Schleichwerbung an der Spitze steht, vom E-Klo schon häufiger in den "Schreckenskammern der oberhessischen Zeitungsprovinz"** gewürdigt, das "Sonntagmorgenmagazin". Hier gibt allwöchentlich ein gewisser "Chris" "Plattentips", und die lesen sich dann beispielsweise so (27.2.83): "Der Plattentip beginnt diesmal mit der Discotheken-Hitparade ... ermittelt ... in der Discothek Trucker in Oberndorf. Platz 1 für Peter Schilling, der am letzten Sonntag in Gießen im Big Apple zu Gast [war],... natürlich sein Hit 'Major Tom'. Auf Platz 2 kam Nena mit '99 Luftballons' und auf Platz 3 landeten Knickerbocker und Biene mit 'Hallo, Klaus'." Es folgen Veranstaltungshinweise für zwei Discos in Oberndorf und Beuern, besonders empfohlen wird von Chris, übrigens selbst Disc-Jockey, ein gewisser Wolfgang Petry. Am 6. März empfiehlt Chris ein "Doppelstargastspiel" mit Wolfgang Petry in Beuern und einen Auftritt in der Disco Papillon. Dort singt ein gewisser Wolfgang Petry. Ausgabe vom 27.3.: Der Chris empfiehlt eine neue Single. Der Interpret heißt Wolfgang Petry. Ausgabe vom 27.3.: Der Chris empfiehlt nichts von Wolfgang Petry, dafür eine "Mode-Talk-Show" in der Disco Papillon: "... in Zusammenarbeit mit den Firmen Eva Shop und dem Friseur-Team Brandenburger." Weiter: "Durch das Programm führt der Chef-Moderator der Firma Wella, Manfred Schmock." Man erspare mir den fälligen Kalauer. Außerdem gäbe es in der Disco Trucker am Karfreitag eine "Supershow nämlich das Go-Go-Girl Angelique aus dem ARD-Musikladen. Natürlich topless." Natürlich. Wenn es einen lieben Gott gibt, könnte der da nicht mal einschreiten? Wenigstens am Karfreitag? Zum Schluß des Elaborats: "Aus Platzgründen verschieben wir den Plattentip wieder auf nächste Woche. Dann kommt er aber bestimmt, euer Chris." Es wird wohl kaum zu vermeiden sein. Neben diesen "Plattentips" gibt's auch immer wieder "Star-Portraits zum Sammeln", da wird dann z.B. die Gruppe Truckstop empfohlen mit "Texten, die ins Ohr gehen." Hoffentlich bleiben sie nicht drin.

Wesentlich anspruchsvoller gibt sich da der "Gießener Anzeiger" mit seiner samstäglich unregelmäßig erscheinenden "Jugendseite". Hier wird schon mal über Greenpeace, Bafög-Streichung und arbeitslose Jugendliche berichtet. Allerdings ist scheinbar die Resonanz auch nicht gerade die beste, denn da les ich z.B.: "Wir von der Jugendseite haben euch aufgefordert, ... mal zu schreiben, wie es ... bei Euch aussieht, wenn ihr plötzlich ohne Bafög ... auskommen müßt (die fehlenden Stellen sind Füllworte, um die Zeilenlänge zu dehnen, Anm. d. Verf.). Bisher ist leider noch kein Brief eingegan-
gen." Vielleicht hatten die Leute kein Geld für's Porto?? Eine Schwachsinnsrubrik gibt es aber auch auf dieser Jugendseite, genannt "Kurz und poppig". Da wird berichtet, daß sich Kurt Georg Kiesinger bei irgendeinem Komponisten bedankt, weil der Schleimer ihm zur Goldenen Hochzeit eine "Festtagsschallplatte" überreichte. Oder etwa solches: "The Unknowns, in San Diego beheimatetes Quartett, nannten ihre LP 'The Unknowns' ." Ha, da staunt ihr, was? Man sollte die Rubrik "Kotz und poplig" nennen. Ausnehmend interessant fand ich auch einen Bericht über die "Trinkgewohnheiten englischer Studenten" oder die Feststellung der Jugendseiten-Redaktion: "Überhaupt ist doch der Frühling die schönste und interessanteste Jahreszeit, oder findet ihr nicht?" Nee, finden wir nicht. Wie wär's mit einer heißen Reportage über das Liebesleben des Maikäfers?
Der GA veröffentlicht natürlich auch eine tägliche Feuilletonseite, so wie diese hier im E-Klo, und bei allen Zeitungen [ist das] die von den anderen "ernsthaften" Redakteuren insgeheim mitleidig belächelte Narren-Spielwiese. Gnade vor dem verantwortlichen GA-Redakteur findet hier hauptsächlich die bürgerliche Kultur, will heißen Hofberichterstattung fürs Stadttheater etc. Weniger Chancen haben kleine Veranstaltungen, die häufig nur dann berücksichtigt werden, wenn damit ein Anzeigenauftrag verbunden ist. Vor allem der AStA-Kulturreferent wird ein Lied davon singen können. Bestenfalls gibt es mal nachträglich einen Bericht über die Veranstaltung, wenn man mit dem Volontär zufällig nichts besseres vorhatte oder die Seite gefüllt werden mußte.

Schließen wir dieses traurige Kapitel und lassen wir den "Treffpunkt", die "Gießener Allgemeine", das
"Zeitdruck-Magazin", die Jugendseiten des "EAM-Boten", die Veranstaltungstips der "MAZ" und ähnliche Druck- und Machwerke mal unbeachtet, sonst muß ich Frührente beantragen.

Dr. Muffel

* Das sind natürlich veraltete Informationen. Alles aktuelle unter www.spex.de.
** E-Klo-Rubrik, die ab und zu im Faksimile besonders schöne Stilblüten der heimischen Presse aufspießte.
ELEPHANTENKLO Nr. 147, 28. Juni 1983

Schon gefrühstückt?
Ja ja, ich weiß, es ist eigentlich viel zu warm, um übers Essen zu reden. Andererseits ist's aber schon wieder so warm, daß die Leute nur noch an See, Garten und Urlaub denken, bis auf die Spezies "fleißiger Student" Seminar Seminar sein lassen und sich feste auf die Semesterferien vorbereiten. Also ist auch in Gießen veranstaltungsmäßig (tolles Wort!) schon jetzt fast nichts mehr los, und was bleibt mir da anderes übrig, als über Essen zu schreiben.
In der Neuen Bäue ist nämlich inzwischen, von den meisten unbemerkt, eine internationale Freß-Meile entstanden. Läßt man am Berliner Platz die Residenz von Siggi "J.R." Beyer, Hans "Jock" Görnert, Helmut "Bobby" Schill und Werner "Cliff" Thomas* rechts und den Bauplatz des "Holiday Inn"** links liegen und lenkt seine Schritte in Richtung Schulstraße, so findet man rechterhand den Burghof, geführt von italienischen Mafiosi. Das grüne Gebäude*** beherbergte sintemalen die Gießener Gestapo und anschließend angeblich die Kripo, in deren Kammern man sich nun bis 3 Uhr früh eine Pizza Camorra servieren lassen kann. Wer muckt, kriegt blaue Augen gehauen, wer's nicht glaubt, frage Matt Dillon, meist im Quadratmeter**** zu finden.
Gegenüber des Burghofs sitzt Ronald McDonald und sammelt für die Aktion Sorgenkind. Wer nicht spendet, muß ein weiches Brötchen essen und eine Rippe abgeben (für den McRib). In geschlossenen Behältern aus unverwüstlichem Material bekommt der Gast hier auch Getränke serviert, weiße glibbrige, golden schäumende oder dunkelbraun klebrige, je nach Gusto. Oder Speisen, mit grünlichen Scheibchen, weißen Ringelchen und rötlichen Sößchen beklebt, die beim Reinbeißen links und rechts runterfallen/laufen und sich folglich nach und nach über die ganze Stadt ausbreiten. Man nennt das amerikanisches Essen, und im Herbst wird der "McPershing" eingeführt.
Wir wischen jetzt die Finger an der Hose ab und gehen wieder auf die andere Straßenseite*****, wo ein gelbes Männchen Katzen einfängt und sie mit den Worten "dleimal Bami Goleng, kommt sofolt" in einen Hinterhof schleift. Oder "schreift"? Ich weiß es nicht. Vorne ist der Haupteingang, da muß man die Schuhe ausziehen und wird von einer Geisha in Mao-Uniform zu einem niedrigen Brett auf dem Boden geführt, wo man sich hinhockt. Dann kommt eine matschige weiße Masse auf den Tisch, dazu Brühe mit völlig undefinierbaren Bestandteilen und als Vorspeise eine fettige Rolle. Zum Nachtisch kann man in süßem Sirup eingelegte §696)!?=XW essen. Das Ganze wird anschließend mit warmem Alkohol zur Desinfektion heruntergespült. Auf der Straße rülpst man ein- oder zweimal und geht dann wieder rein, um die Schuhe, die man vergessen hat, noch zu holen. Da steht dann wieder das gelbe Männchen, schüttelt bedauernd den Kopf und ruft dabei nach hinten "Zweimal Flühlingslolle, kommt sofolt", und - husch! - ist es weg. Deine Schuhe auch.

Ein Haus weiter****** tritt ein Herr aus einem grüngestrichenen Eingang und hält sich den Magen. "I glaub, dös war zvüih" ächzt er und puhlt sich einen Hühnerknochen aus dem Backenzahn. "Hätt i doch a Weaner Schnietzel gössn" jammert der Zweite, während er seine Spesenrechnung in der Brieftasche verstaut. "Die oarmen Hendl", schluchzt der Dritte, einfach in der Mitte zerschnitten hätt man die, was der Koch wohl für Messer hätte und daß man Autoreifen ja so schlecht schneiden könne. Dabei rutscht er auf einem Pomme Frite aus, den sein Vorgänger fallengelassen hatte.
Daraufhin wendest du Dich - tu es, um Gotteswillen - schnell ab und betrittst schräg gegenüber eine unscheinbare Imbißstube*******. "Pitta Gyros", "Pitta Souvlaki" und dergleichen mehr steht dort angeschlagen, und Du siehst die appetitlichen Teigfladen, den Berg Fleisch, der sich knusprig und lecker auf einem senkrechten Grill dreht und Du weißt, daß Du hier richtig bist. Allerdings empfiehlt es sich, falls Du kein Satziki auf Deiner Portion Gyros (im Teigfladen 3,90; große Portion mit Kraut und Pommes ca. 8,00 DM) willst, darauf ausdrücklich hinzuweisen und die Zubereitung zu beobachten, damit man im richtigen Moment "Halt!" rufen kann, denn der Koch liebt Satziki und macht es überall drauf, egal was Du bestellst. Satziki kann man auch so bestellen, dann kann man den hervorragenden Gyros-Geschmack pur genießen. Die Stehimbiß-Standard- Möblierung aus Lich lädt zwar nicht gerade zum Verweilen ein, aber ein Bier vom Faß zum Essen sollte wohl noch drin sein.
Die Odyssee durch die italienische, amerikanische, chinesische, österreichische und griechische Küche hat ihren würdigen Abschluß gefunden.

Guten Appetit, schleichwirbt
Dr. Muffel

PS: Ein Stückchen weiter rauf ist die Engel-Apotheke: "Rennie räumt den Magen auf".

* Gemeint ist der damalige Gießener CDU-Magistrat und sein Gehäuse.
** Die Kongreßhalle, damals gab es Planungen, dort ein Hotel zu bauen.
*** Neuen Bäue 23. Heute rosa gestrichen und unter anderer Inhaberschaft, aber immer noch Speisegaststätte.
**** Damalige "Scenekneipe" in der  Grünberger Straße.
***** Neuen Bäue 5, 7 oder 9. Das heute hier ansässige China-Restaurant ist ein anderes.
****** Neuen Bäue 3 (verm.), hier war mal ein "Wienerwald".
******* Neuen Bäue 8. "Pitta Gyros" gibt es immer noch - ob es noch so schmeckt, weiß ich nicht.
ELEPHANTENKLO Nr. 164, 28. Februar 1984

"ES IST ERMUTIGEND, DASS WIR DEN SPORT NICHT SO VERBISSEN BETREIBEN WIE IN ANDEREN LÄNDERN."
Der bayrische Innenmister Hillermaier beim Empfang der deutschen Olympiamannschaft zu ihrem Abschneiden.

Nun ist sie also vorüber, die Winterolympiade, und die bundesdeutsche Sportseele ist in ihrem tiefsten Inneren getroffen. Im Kampf der Sportstudenten gegen die Soldaten, auch Jugend der Welt genannt, haben die Schützen der Nummer 2 der NATO im sogenannten Biathlon die Ehre der Nation gerade so vor dem endgültigen Ruin retten können. Nur hier waren die "jungen Burrrschen" (0-Ton Bruno Moravetz, ZDF) besser als z.B. jener Costaricaner, der nur dann eine Chance im Biathlon gehabt hätte, wenn man an den Schießständen "mit Kokosnüssen werfen dürfte" (0-Ton Gerd Mehl, ARD).
Und sie waren hier besser als jener Spanier, Angehöriger der Guardia Civil, "bei dem die Spanier wünschten", daß die Guardia Civil "zu Hause genauso schlecht schießen würde wie bei der Olympiade" (0-Ton Gerd Mehl, ARD). Ein reines Wunder, daß die beiden senilen Sportreportage-Oldies Mehl und Moravetz in Sarajevo vor lauter Aufregung nicht am Herzschlag gestorben sind: "Verzeihen Sie mir, wenn ich ein bißchen nervös bin, aber es geht ja um die Medalljen" (Mehl).
Besonders harsch gingen die zwei mit der jugoslawischen Regie ins Gericht, die sich erdreistete, statt der BRD-Teilnehmer immer wieder andere ins Bild zu bringen: "Sehen Sie, wie sie spinnen! Dafür als Orden eine alte Konservenbüchse! Der hat auch 1000 Jahre Kies gefahren und immer noch Sand in den Augen!" (Moravetz). "Wir brauchen den Angerer jetzt, und nicht den Matausch, der ist doch vollkommen draußen ... das ist ja zum Verzweifeln! Ist das trostlos!" (Mehl).
Auch bei dieser Olympiade stellte sich wieder die berühmt gewordene Frage "wo ist Behle?" (Moravetz, 1980 in Lake Placid). Doch diesmal tauchte Behle nicht mehr auf. Er sei ausgeschieden, teilte der Moderator nach der Langlauf-Live-Übertragung mit. Zwei Läufer seien nicht ins Ziel gekommen: "Jochen Behle und ein Türke." Nein, diese Schande...

Doch nicht nur im Sport gehts bergab, sondern auch in der Gießener Scene. Erst lamentiert Dr. Muffel über seltsame Geldgebaren in den "linken Kreisen" (dazu später noch was) und diagnostizierte Dreckhaufen unter dem Teppich, dann die betrübliche Mitteilung, daß der Sender für das Gießener Freie Radio bei irgendeinem Umzug verschütt gegangen ist, und zu allem Überfluß beschließt die Alternaiv-GmbH, den "Quadratmeter" zu schließen. Wohin die Frauenkneipe, wo flippern, wo der Doppelkopf-Stammtisch? Was machen die Leute, die in der Zwischenzeit zum lebenden Inventar avanciert sind und die sich den "Quadratmeter" als Ersatzwohnzimmer auserkoren hatten? Sind am Ende die Folkies dran schuld, die sich nach "Anpöbeleien" beleidigterweise "in eine kommerzielle Kneipe" zurückgezogen haben?
In den inzwischen entbrannten Streit, ob die Alternaiv-GmbHler skrupellose Ausbeuter sind, die unrentable Geschäftszweige abstoßen, will ich mich nicht einmischen. Diskussionen auf dieser Scheißhausebene machen mich krank. Betrüblich finde ich allerdings den Mangel an Sensibilität, den die Alternaivler bei ihrer Entscheidung an den Tag gelegt haben. Angesichts der Bedeutung, die eine Kneipe wie der "Quadratmeter" für die Scene hat, wäre es angebracht gewesen, das Publikum per E-Klo, Flugblatt oder sonstwie kurzfristig zu einem öffentlichen Diskussionstermin einzuladen und auf die schwierige Situation hinzuweisen und dann erst zu entscheiden. Vielleicht wäre es den Kneipiers dabei leichter gefallen, ihre Argumente deutlich vorzubringen: das inhaltlich dünne, mißverständlich formulierte und teilweise Bedenklichkeiten enthaltende Papier, das sie verteilt haben, hat in dieser Hinsicht nichts gebracht. Bei den meisten schlug es wohl ein wie eine Bombe (die verdutzten Gesichter bei der Lektüre zu beobachten war wohl eure Rache für dröges Publikumsverhalten, oder was?). Diese "Friß oder erstick dran" - Methode braucht sich über ein entsprechendes Echo kaum zu wundern, gell? - Setzen, fünf.

Doch damit nicht genug: da verkündet im letzten ELEPHANTENKLO jemand, dieses Jahr fände mangels Mitarbeitern für die Vorbereitung kein Brandplatzfest statt. Wann kapiert man endlich, daß - ganz spontimäßig - solche Veranstaltungen frühestens 14 Tage vor dem geplanten Termin vorbereitet werden? Klaro, daß vorher keine Mitarbeiter aufzutreiben sind. Wer weiß denn schon, was im Juni ist? Angesichts der Bombe oder so. Ich werd demnächst in der "Lahnlust"* einen Kursus im Wünschelrutengehen belegen und dann nachsehen, ob unter dem gottverdammten Gießener Pflaster irgendwo noch ein Strand zu finden ist.

Manch wilde Spekulationen gibt es immer wieder darüber, was mit den Unmengen Dope passiert, die von den Bullen jahraus, jahrein beschlagnahmt werden. Schließlich backen die ja nicht ständig Hörnchen**. Was die Gießener damit anstellen, konnte uns neulich die "Allgemeine" verraten: das Zeug wird in der JVA in der Ostanlage verheizt. Zigtausende gehen hier durch den Schornstein, inclusive Spritzen, Pfeifen, Briefwaagen, Löffeln und was sonst noch so dazugehört. Ja brennt denn das alles??
Doch nicht die gesamte Menge kommt in den Ofen: "Häufig werden die durch Urteil der Vernichtung preisgegebenen Rauschdrogen auch an die Pharmaindustrie abgegeben," weiß die AZ. Da erhebt sich die Frage: was machen ausgerechnet die damit? Die produzieren doch selbst 1-A-Dope?
Die profanste Vernichtungsmethode verwendet ein Gießener Staatsanwalt: Kleinmengen, die sich als Beweisstücke in den Gerichtsunterlagen befanden, spült er nach abgeschlossener Verhandlung einfach im Klo runter. Und so braucht sich dann niemand zu wundern, warum sich fast alle Gießener Ratten im Gebäude der Staatsanwaltschaft befinden.

Zum Schluß noch mal was zum Artikel "Die Linke und das Geld", ELEPHANTENKLO Nr. 160, S. 16: die erwähnten Einzelfälle haben sich inzwischen weitgehend erledigt. Die Broschüren sind mit einem "sorry" bezahlt worden (danke!), der "Unterstützerkreis für die besetzten Häuser" hat ermittelt, daß angekündigte Spenden nicht eingetroffen waren und deshalb das Geld nicht gereicht hatte (das soll alles noch nachgeholt werden), und die der Bunten Hilfe zugedachten Überschüsse vom Liebigstraßenfest wurden der Überbringerin ohne ihr Verschulden aus der Wohnung gestohlen. Darüber hat sie sich schrecklich gegrämt, wollte, obwohl sie selbst nix drauf hat, das Geld aus der eigenen Tasche ersetzen. Das sollte man ihr aber nicht zumuten - es ist halt weg, Pech gehabt. Kein Grund zur Aufregung. Nochmal, um Mißverständnissen vorzubeugen: ich wollte niemand Veruntreuung vorwerfen, es ging mir darum, daß solche Dinge öffentlich gemacht werden und Spekulationen darüber nicht den professionellen Gerüchteköchen überlassen werden. Jeder, der spendet, hat ein Recht darauf zu erfahren, was mit seinem Geld passiert.

Weiterhin über die Ungerechtigkeiten dieser Welt grübelnd,
...aus Sarajevo
Dr. Muffel

* Die "Lahnlust" war eine ehemalige Gaststätte in der Lahnstraße, die ein paar Jahre von einem Verein als Kunst- und Kultur-Veranstaltungsort betrieben wurde.
** Anspielung auf einen Fall aus dieser Zeit, bei dem ein Polizist anläßlich einer Geburtstagsfeier das von ihm gefertigte Gebäck heimlich mit Cannabis versetzt hatte. Etliche Kollegen mußten sich ärztlich behandeln lassen.
ELEPHANTENKLO Nr. 169, 8. Mai 1984

Nachdem in letzter Zeit in gewissen (gewissenlosen???) Kreisen E-Klo-Witze rundgehen, kann sich Dr. Muffel nicht zurückhalten, ebenfalls einen kürzlich gehörten weiterzugeben: Ein Russe, ein Amerikaner und ein bekannter, regelmäßig das neueste E-Klo ausleihender Leser treffen sich, um zu ermitteln, wer bei der Lektüre des E-Klos als erster einschläft. Zuerst geht der Ami mit der Zeitung ins stille Kämmerlein. Zehn Minuten später öffnet sich die Tür, der Ami wankt heraus, fällt um und beginnt zu schnarchen. Der Russe hält es eine halbe Stunde aus (kommt sicher vom Prawda-Lesen, Anmerkung d. T.), dann öffnet sich die Tür, er wankt raus, fällt um, schnarcht. Zum Schluß ist unser Ausleiher an der Reihe. Er nimmt das E-Klo, öffnet das Kämmerlein und verschwindet. Bereits nach fünf Minuten geht die Tür wieder auf, und heraus kommt das E-Klo, verdreht noch einmal die Augen, fällt um und versinkt im Tiefschlaf.

Die Gruppen „Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich“, „The Tremeloes“ und „Marmelade“ haben vor über 15 Jahren eine Generation von werdenden Bankangestellten glücklich gemacht. Da diese nun etabliert sind und ihre Schreibtischstühle durchsitzen, liegt es da nur nahe, statt Jogging sich mal an die alten Tanzbewegungen zu erinnern und daher die Heroes ihrer Teeniezeit, die immer noch oder wieder durch die Lande tingeln und von besseren Zeiten träumen (wären sie doch Bankangestellte geworden!), zu einem Konzert nach Gießen einzuladen. So veranstaltet die Volksbank am 16. Mai ein ebensolches in der Kongreßhalle. Bevor dann die Musiker dort auf die Bühne steigen, werden sie mit Beißzangen in ihre engen Hosen steigen, das Korsett festzurren, das Doppelkinn liften und noch 'ne Tasse Kaffee trinken, damit der Speed reicht, um „Hold Tight“, „Bend It“, „Obladi-Oblada“ oder „Here comes my baby“ zum Besten zu geben. Das Publikum wird aus vergessenen Ecken des Kleiderschranks die karierten Samthosen, die bunten Rüschenhemden, die knalligen Krawatten und halbhohen Stiefel hervorkramen. Die weniger Modebewußten begnügen sich dagegen mit einem schlichten Anzug. Die wenigen, die keine Bankangestellten geworden sind, müssen sich wohl das eine oder andere Naserümpfen gefallen lassen – „Hide Away“.
Vielleicht guckt Dr. Muffel auch mal rein, denn er hat früher ebenso auf diesen Bands gestanden (naja, eigentlich hauptsächlich auf DDDBM&T, die anderen waren ein bißchen zu seicht), auch wenn diese alte Liebe inzwischen etwas verrostet ist und er auch kein Bankangestellter geworden ist. Und während die Alten sungen, zwitschern die Jungen sich einen. Prost! Hoffen wir, daß es nicht zu viele Beinbrüche und Zerrungen in den steifen Gliedern gibt, damit die Banken am nächsten Tag nicht aus Personalmangel dichtmachen müssen.

Daß in der Lahnlust leicht okkulte Veranstaltungen stattfinden, war ja bekannt (Wünschelruten, Erdstrahlung etc.). Daß jetzt dort aber auch Horror á là Carpenter stattfinden soll, ist mir neu. Folgende Ankündigung fand ich im Gießener Anzeiger:

Jazz und Fog im Kulturzentrum
Gießen (mo). In der Reihe „Jazz in der Lahnlust“ spielt heute abend um 21 Uhr die Gruppe ,,Sequence“ auf. Die Veranstaltung findet im Kulturzentrum in der Lahnstraße 100 statt. Ebenfalls im Kulturzentrum findet morgen abend um 20.30 Uhr ein Musikabend in Zusammenarbeit mit der Gießener Foginitiatve statt. „Holzrätchen“ heißt die Foggruppe, die diesen Abend musikalisch gestalten wird.

Liebe Lahnlüstlinge, seid vorsichtig, denn 1.) weiß man nie, was sich hinter einer Nebelbank verbirgt (also unbedingt Abblendlicht einschalten!); 2.) werden davon die Wände feucht (also nach jeder derartigen Veranstaltung gut lüften!). Ich hoffe, ihr befolkt diesen Rat. Eh ich‘s vergesse: mit Journalisten nur schriftlich verkehren!

Nun ist es also amtlich: noch vor den Sommerferien will die Stadt ein neues Open-Air veranstalten. Diesmal nicht im VfB-Stadion, sondern auf einem großen Hang am Schiffenberg, ca. 100 m unterhalb des alten Klosters. Was dem AStA vor ein paar Jahren durch die Sturheit des ehemaligen Schiffenberg-Pächters und die zugeknöpfte Haltung des Magistrats verwehrt wurde, Colley* machts moglich. „Internationale Stars“ sollen auch diesmal auftreten, welche, wurde noch nicht bekanntgegeben, da wohl die Verträge noch nicht unterzeichnet sind. Dr. Muffel tippt auf Peter Maffay, Van Halen sowie Ricchi & Poveri. Im Vorprogramm: die Songgruppe der Stadtverwaltung mit ihrem Hit: „Der Teufel scheißt immer auf den dicksten Haufen“.

Alsdann ist eine wichtige Korrektur angebracht: im E-Klo Nr. 166 erweckte ich den Eindruck, als sei in Gießen die Zahl der Eheschließungen und Geburten zu niedrig (dem Oberbürgermeister ein Kind zu machen, können wir uns sparen, er hat gerade wieder geheiratet und versuchts vielleicht selbst). Dem ist der Magistrat nunmehr mit der Feststellung entgegengetreten, daß die Zahl der Heiraten von 409 in 1981 über 442 in 1982 auf stolze 460 im Jahr 1983 angestiegen ist. Dies bedeutet eine Steigerung von fast 12,5% in zwei Jahren. Gleichzeitig nahm die Zahl der Geburten 1983 um 1% zu, während sie im gleichen Zeitraum im Landesdurchschnitt um 5,8% gesunken ist. Gebärfreudiges Gießen! Deine Zukunft ist gesichert! Wenn Hessen dereinst entvölkert ist, befindet sich das Landeszentrum in Gießen. Oh Einkaufsströme! Steuereinnahmen! Mehr Fußgängerzonen! Erweiterung des City-Centers! Neue Parkhäuser! West-Süd-West-, Nordost- und Südost-Tangenten! Und das ELEPHANTENKLO ist die letzte und einzige hessische Alternativzeitung. Oh Auflage! Sämtliche zukünftigen Staatsknete-Gelder, die die GRÜNEN lockermachen, fließen nach Gießen (ist das nicht ein toller Stabreim?). Welch eine Lahnlust für Alternaiv-GmbH, Ökotopia, Kleine Freizeit, Klatschmohn und Co.! Wenn es dem Magistrat darüberhinaus noch gelingen sollte, die Ölquellen auf der Wieseck nutzbringend zu erschließen (statt immer nur über „Umweltverschmutzung“ zu lamentieren), haben wir alle ausgesorgt. Am Gießener Wesen wird dann endlich die Welt genesen. Das prophezeit Euch

Dr. Muffel

* Hans-Peter Colley war, soweit dem Autor erinnerlich, zu jener Zeit Referent des Oberbürgermeisters Görnert (CDU).

ELEPHANTENKLO Nr. 174, 17. Juli 1984

"Eines Tages wird am Himmel ein großer Arsch aufgehen und alles zuscheißen", dieser alte Klospruch hat für das Kaufhaus Horten inzwischen reale Bedeutung erlangt. Allerdings handelt es sich um viele Ärsche, und sie sind auch nicht besonders groß. Doch die Masse machts. Die Rede ist von Tauben, welche die Horten-Fassade zuscheißen und deren Kacke extrem ätzend ist, sodaß sich das Baumaterial zu zersetzen beginnt. Ehe sich nun der weiße Betonhaufen in einen grau-weißen Scheißhaufen verwandelt, investiert Horten 40000 DM, um der drohenden Verkaufkraftzersetzung. zu entgehen. Der Taubenmist wird abgekratzt, anschließend bringt man Netze an, die eine Wiederholung des anrüchigen Vorgangs verhindern sollen. Wie ich aus gewöhnlich gut beschissenen Kreisen erfahren habe, wollen die Tauben jetzt zu Karstadt umziehen.
Übrigens: man achte auf preisgünstige Naturdünger-Angebote demnächst bei Horten!

Wo wir gerade bei den Kaufhäusern sind: Karstadt beherrscht die Methoden der antizyklischen Wirtschaftspolitik ja bestens. Komme ich neulich dort vorbei, bewölkter Himmel, Außentemperatur ca. 16° Celsius; was man so Hochsommer nennt, und bemerke die übliche Sonnenbrillenverkäuferin, die dort völlig verlassen und arbeitslos mit finsterer Mine ihre leere Registrierkasse bewacht. Man hätte ihr wenigstens ein Buch in die Hand drücken können.

Bücher sind nämlich zur Zeit beim Gießener Oberpapierdealer Ferber* recht preiswert: das Kilo kostet einen Fünfer. Du suchst dir auf dem Wühltisch eine angestoßene und verknickte Schwarte aus, der Verkäufer knallt das Ding auf eine überdimensionale Waage und schiebt an den Gewichten herum. Er: "Darfs ein bißchen mehr sein?" Du: "Nein danke." Der Verkäufer reißt eine Handvoll Seiten raus und wiegt noch mal. Stimmt. Er stopft den Rest in die Tüte. "Macht fünf Mark!" Ach, vorbei sind die Zeiten, in denen deutsche Dichter und Denker ihre Literatur nach Metern statt nach Kilo verkauften. Der Fortschritt ist halt nicht aufzuhalten.
Nebenbei: man kann Bücher auch einfrieren! Sie sind dann nahezu unbegrenzt haltbar. Einmal aufgetaut, müssen sie aber möglichst rasch verbraucht werden. Weitere Tips im Buchhandlungs-McDonalds "Montanus"** auf dem Seltersweg.

War letzte Woche noch hektische Betriebsamkeit in der Stadt, so sind mit Beginn der Hitze sämtliche Aktivitäten schlagartig abgeflaut (nur Geiselgangster sind noch im Dienst***). Heute gehe ich aus dem E-Klo-Büro ein paar Straßen weiter zur Metzgerei, weil mir der Magen knurrt. Die Tür ist jedoch zu, ein Schild hängt müde davor und teilt mit: "Betriebsferien bis 2.8.". Leck mich, ich gehe zur Bäckerei gegenüber: "Betriebsferien bis 28.7.". Dann will ich halt ein Langnese-Eis vom gottseidank geöffneten Kiosk nebenan. -"Bitte ein Cornetto-Nougat!" "Tut mir leid, das ganze Tüten-Eis ist alle!" Ich studiere die Tafel. Das Fruchtwassereis will ich nicht. "Dann nehm ich ein Domino." "Tut mir leid...". Zum Kotzen. Als Ausgleich, denke ich, besorg ich mir nen Krimi aus dem Antiquariat, doch das Antiquariat ist zu. In der Tür ein Zettel: "Vom 9.7. bis 16.7. erst ab 16 Uhr geöffnet." Ich sehe auf mein Zeiteisen, was unmißverständlich "17.35" Uhr verkündet. Klopfen an Tür und Uhr bringt auch keine neuen Erkenntnisse. Zurück in der Weserstr. 5 stelle ich fest, daß die vorher offene Tür des Jugendcafes inzwischen auch zu ist. Zettel: "Ab Mi 11.7. wahrscheinlich bis Mi 22.8. zu. Montags geöffnet!" Montags darf ich aber nicht rein, weil dann hier Mädchen- und Frauencafe ist. Ich schließe auf und begebe mich zu meinem Arbeitsplatz. Dann der Schock: auch die E-Klo-Bürotür ist verschlossen! Ich suche automatisch nach dem obligaten Zettel, bis mir siedendheiß einfällt, daß ich ja vorher selbst abgeschlossen hatte. Auch der Lokus ist noch in Betrieb, nur das Papier ist alle. Ich pflanze mich auf meinen Bürostuhl und hänge mir ein Schild um: "Betriebsferien bis 31.7. Anklopfen zwecklos."

Horrorvideos pfiffen sich Vertreter von katholischer Kirche, Jugendamt, Pfadfindern und Mitgliedern des Jugendausschusses des Gießener Stadtparlaments am Freitag, dem 6. 7., im Jugendzentrum an der Ostanlage ein. Auf Einladung des Jugendbildungswerkes sollte über für Jugendliche inkriminierte Videofilme diskutiert werden. Als Anschauungsmaterial diente dabei ein 40minütiger Streifen mit Ausschnitten aus den berühmt-berüchtigten Horrorvideos. Angeblich wurde den versammelten Jugendschützern davon so schlecht, daß man sich geradezu wundern muß, warum es den Jugendlichen nicht ebenfalls davon übel wird. Ganz im Gegenteil, so befürchten die Anwesenden, bestünde die Gefahr, daß die minderjährigen Horrorfans "Handlungsweisen" aus diesen Filmen übernehmen würden.
So sehe ich schon jetzt die Horden von mit Schlachtermessern bewaffneten Kids über den Seltersweg stürmen, Passanten aufschlitzend, bis sie sich mit den Worten "ohgott, wie ätzend langweilig" (Abgestumpftheit!) dem McDonalds-Spezialitätenrestaurant zuwenden. Ganz so schlecht scheint es den Anwesenden übrigens nicht geworden zu sein, denn bereits im Herbst soll eine weitere Veranstaltung "dieser Art" stattfinden. Wenn das nicht höchst verdächtig ist, eß ich meine Eingeweide.
Letzte Meldung zu diesem Thema: am Donnerstag, dem 12.7., suchte die Polizei, begleitet von einem Vertreter des Jugendamtes, die Medienwerkstatt des VFKK**** in der Steinstraße auf. Die Herren suchten indizierte Porno- und Gewalt-Videos, und sie hatten mitbekommen, daß in der Medienwerkstatt Video-Arbeiten gemacht werden. Der anwesende Medienwerker konnte den Herrn jedoch versichern; daß dort nur völlig harmlose politische und künstlerische Filme hergestellt und verliehen werden. Auf eine Einsichtnahme des vorhandenen Materials mußten sie aufgrund der Hartnäckigkeit ihres Gegenübers jedoch verzichten.

Zu diesem Thema fällt mir noch was ein: die Gießener Filiale einer weltweit bekannten US-Junkfood-Kette klebt neuerdings im Stadtgebiet großflächige Werbeplakate, auf denen in abscheuliche Pappbecher gefüllte, äh, Getränke?? ... oder was abgebildet sind. Das Zeug, jeweils mit Strohhalm garniert, sieht aus wie gequirlte Kacke und ist in den Modefarben der Saison erhältlich: braun, rot, grün, lila und so weiter. Dieses Plakat erfüllt den Tatbestand der Erregung öffentlichen Ärgernisses. Verehrter Herr Staatsanwalt Müller, können sie diesen hinterhältigen Angriff auf den kulinarischen Geschmack des deutschen Volkes nicht unterbinden? Kommt Ihnen da nicht das Eisbein mit Sauerkraut wieder hoch?
Mein Gott, ist mir schlecht.

Dr. Muffel

* Ehemalige "Ferber'sche Universitätsbuchhandlung", Seltersweg 83, geschlossen 2005.
** "Montanus aktuell", Seltersweg 15, Filiale der ersten überregionalen Buchhandels-Kette in der Bundesrepublik Deutschland. Seit Anfang des neuen Jahrtausendes gehört Montanus zu Thalia. Die Gießener Montanus-Filiale existiert nicht mehr.
*** Spielt möglicherweise auf einen Bankraub mit Geiselnahme am 5. Juli 1984 in Düsseldorf an.
**** Verein zur Förderung von Kultur und Kommunikation, langjähriger Raumbeschaffer u. a. für die ELEPHANTENKLO-Redaktion.
Ab hier ein paar chronologisch aneinandergereihte Schnipsel aus weiteren Kulturbrausen, die als Gesamttext heute nicht mehr lesbar sind, sei es wegen insiderhafter Unverständlichkeit, schlechter Schreibe, oder weil sie schlicht langweilige Auflistungen von zeitgenössischen Veranstaltungen enthalten, die heute keine Sau mehr interessieren.

ELEPHANTENKLO Nr. 150, 9. August 1983

Ah, endlich wieder 'ne Kulturbrause, hat sicher mancher gedacht, als er dieses E-Klo aufschlug. Wird auch Zeit, bei der Hitze braucht man schon mal 'nen Schluck aus dem Giftbecher der Gießener Ssiehn. Leider war der Dr. Muffel in den letzten Wochen ausgiebigst damit beschäftigt, zur Aufrechterhaltung von Kultur und Kommunikation dem gleichnamigen Gießener Verein umzugsweise das kalte Händchen zu halten. An dieser Stelle möchte ich nochmal den Massen danken, welche dieses Vorhaben auf das schärfste unterstützten, hallo, ihr drei Beiden. Dann kann ja wieder kulturt und kommuniziert werden, es sei denn, die Vereinskassiererin setzt sich in die nächste Eisdiele ab und verfrißt den Kontostand: "Bitte zwei Eisbällchen ... kostet die Tüte extra was?"
(...)
Die hohen Temperaturen lassen die Leute durchdrehen: sie balgen sich um den letzten freien Stehplatz im "Zwibbel"-Biergarten (muß man sich da abends eigentlich die Getränke selbst mitbringen, wenn man was zu schlucken haben will?), frieren unter dem eisigen Lufthauch der voll aufgedrehten Klimaanlage in der "Brezel", während der Wirt des "Quadratmeter" mit seinem Gast am Flipper steht. Im "Zapfhahn"* herrscht der meiste Betrieb auf dem Klo, in der "Oktave" muß die Bedienung immer ums Thekenrund herumlaufen, weil die beiden Zecher sich nicht ausstehen können und jeweils auf der gegenüberliegenden Seite sitzen. Mehr Betrieb herrscht dagegen an den SSV-Wühltischen bei Kerbstadt, Horber und Karten** sowie am Launsbacher See, wo der zweihunderttausendste Nackte vorgestern den letzten Grashalm zertreten hat.
Das Wasser dortselbst soll inzwischen von einer Konsistenz sein, die um das Grundwasser fürchten läßt. Die Gemeinde Launsbach will am See demnächst mit Bundesgrenzschutz, Natodraht, Schwimmscheinautomaten und einer Tiefgarage für Ordnung sorgen. Ein privater Investor, der das Gelände übernimmt, soll auch schon gefunden sein.
(...)
* Ehemalige Scenekneipe in der Grünberger Straße.
** Karstadt, Horten und Kerber, die drei Gießener Kaufhäuser. Ja, tatsächlich, drei Stück.


ELEPHANTENKLO Nr. 152, 6. September 1983

(...)
Ein Flugzeugabsturz? Massenkarambolage auf der Autobahn? Vulkanausbruch in Rödgen? Ist das US-Depot explodiert? Solches oder ähnliches wird sich manch einer gedacht haben, der am Sonntagabend das ständige Hin und Her von Notarzt- und Krankenwagen in der Grünberger Straße mitbekommen hat. Des Rätsels Lösung: Im Rahmen der Völkerfreundschaft fand an diesem Abend das Deutsch-Amerikanische Volksfest statt. Wer hat da hämisch gelacht? Ach, das war ich ...
Peace!
Dr. Muffel


ELEPHANTENKLO Nr. 153, 20. September 1983

(...)
Neben der Eröffnung der neuen Theaterspielzeit macht zur Zeit ein Kunstwerk in Giessen Furore. Zu ihrem 125-jährigen Bestehen besann sich die Volksbank Lahn auf die eher ärmlich gesäten Kulturgüter in dieser Stadt und beschloß, derselben ein schönes Geschenk zu stiften. Zugleich wollte man auch wohl die Wogen glätten, die durch den Teilausbau der Plockstraße die Gemüter der Geschäftswelt bewegten: wollten doch die meisten Kaufleute entweder garkeinen Ausbau oder aber einen vollständigen. So gingen einige Parkplätze verloren, was den Käuferzustrom nicht gerade beflügeln dürfte*, während nur wenige Geschäfte, darunter auch die Volksbank, von der jetzigen Lösung profitieren. Wie dem auch sei, nun stehen sie da, die drei Bronzefiguren, die bereits innige Kontakte zur Bevölkerung geknüpft haben. Sie rauchen Zigaretten, werden von Kindern betatscht und von Hunden bepinkelt. Zwar sind sie ein bißchen groß geraten, heischen dadurch vielleicht ein wenig zuviel Respekt, werden aber trotzdem akzeptiert: richtige Kunst zum Anfassen. Die Bankiers beweisen mehr Kunstsinn als die Politiker, denen beispielsweise zur Verzierung des Kreuzplatzes lediglich diese idiotischen grauen Betonklicker einfielen**, so als habe ein Elefant das Elefantenklo nicht gefunden.

In diesem Zusammenhang konnte der Giessener Anzeiger das Wasser nicht halten und füllte diverse Seiten mit der Aufforderung, Volkes Maul solle das Kunstwerk taufen, sowie mit den darauf eingegangenen Ideen. Den Großteil dieser [Namensvorschläge] hat der Anzeiger nicht besser verdient. Wäre man still und leise öfter mal zur Plockstrasse gelaufen und hätte die Ohren offen gehalten, dann hätte die Anzeiger-Redaktion womöglich Intelligenteres gehört als -zig Vorschläge, das Trio "Schlammbeiser" zu taufen. "Voba-Trio", "Die Lebenskünstler", "Infothek", "Bankkunden" und ähnlich einfältige Bezeichnungen sind wohl ebenfalls eher das Resultat des publicitygeilen Interesses, seinen Namen in der Zeitung gedruckt zu sehen oder einen Preis zu gewinnen, als Zeugnis von schlagfertiger Phantasie.
Volksmund, halt die Klappe, kann ich da nur sagen.
(...)
* Mumpitz. Herr Dr. Muffel, das hätte man auch damals schon besser wissen können!
** Offiziell "Kugelbrunnen".


ELEPHANTENKLO Nr. 154, 4. Oktober 1983

(...)
Neues Unheil kommt auf die Klein-Lindener zu. Kaum, daß die Amcar-Stuben endlich geschlossen wurden, quartiert sich schon ein neuer Störenfried dort ein. Statt Rockmusik tönt bald das "Uh!" und "Ah!" von Gewichtestemmern, das Muskelknirschen von Body-Buildern, das Krachen von splitternden Ziegelsteinen der Karatekämpfer und das Gedröhn von Aerobic-Klängen aus dem Gebäude, denn hier zieht, dem Trend der Zeit folgend, ein Fitness-Center ein. Statt dem Geräusch von an- und abfahrenden Autos wird das Getrampel von Joggern die abendliche Luft füllen, das Geplatsche, wenn sie in ihre Schweißpfützen treten und das Poltern und Wehgeschrei, wenn die Hantel zu schwer war. Magistrat, aufgepaßt! Das gibt schon wieder Ärger. Und vor körperlichen Auseinandersetzungen mit diesen Body-Building-Brummis kann ich nur warnen. Zack! Uhh! Thud! Wamm! Ahhh! Splash!

Vorletztes Wochenende lief im Kino 4 "Alien, unh. Wesen a. e. fremden Welt" (Kino-Ankündigung in der Zeitung). Leider hat der Setzer da einiges vergessen. Der Text sollte nämlich ursprünglich lauten: "Alien, unh. Wesen a. e. fremden Welt, 327 cm, 185 kg, gesch., evg., musiklbd., sportl., mö. e. feste Bind. u. e. Fam. gründen." Jetzt wird der Setzer demnächst sicher eine unh. Begegn. d. 3 Art haben, denn ich weiß, daß Alien sehr nachtragend ist. Verzeihung, ich meinte natürlich Herr Alien.
(...)
Zum Schluß noch ein Spartip für das Stadttheater: die Anschaffung eines Geigerzählers lohnt sich erst bei einem großen Orchester.


ELEPHANTENKLO Nr. 156, 1. November 1983

Ich gehe hier in Giessen nie in der Mensa essen: was muß ich da für kulinarische Genüsse versäumt haben. Schildkrötensteaks! Geschmack hat er ja, der Maitre Roth*. Das ist wieder ein Schlag ins Gesicht all derer, die Jahr um Jahr jammern, den  Studenten ginge es sozial schlecht. Wer Schildkrötensteaks fressen kann, braucht auch kein BAföG. Noch schlimmer sind ja diese Naturschützer, besonders die bayrischen, die jetzt rausbekamen, daß das Giessener Studentenwerk vor zwei Jahren 500 kg dieser exotischen Delikatesse geordert hatte. Nicht ohne sich angeblich vorher zu erkundigen, ob das Fleisch auch ja nicht von wildlebenden Tieren stamme, was laut Herrn Scharbach vom Studentenwerk seinerzeit verneint worden sei. Es war aber doch so.
Moralisch gesehen, kommen dem Studentenwerk die Steaks wohl jetzt wieder hoch. Und die Roh- und Vollwertkost-Vertilger werden jetzt bei täglichen Mensa-Mittagsessen ganz vegetarisch grün im Gesicht: Was der Nebenmann da wohl gerade verspeist? Nachtigallenzunge? Pandapimmel? Geröstete Ameisen? Känguruhbeutel? Und womit rührt der Koch da gerade im Topf... - sieht das nicht aus wie ein Elefantenstoßzahn? Brrr...-  lieber nicht so genau hinsehen...
Zum Glück für Roth sind wenigstens die Mensaesser noch nicht vom Aussterben bedroht. Und so plant das Studentenwerk für die Zukunft: Die Cafeterien sind bereits jetzt für den Geschmack des McDonalds-gewöhnten Publikums von morgen eingerichtet. Kleine Tische, bambule- und kommunikationssicher festgeschraubte Stühle, deren Entwicklung jedoch noch nicht abgeschlossen ist: Lehnt sich der gestreßte Student bequem zurück, knirscht die Lehne derart verdächtig, daß er sich schleunigst wieder in die Vertikale begibt. Für Kuchen und Brötchen soll demnächst ein geruchs- und geschmacksfreier abwaschbarer Plastiküberzug eingeführt werden, um ein problemloses Recycling zu gewährleisten.

(...)
* Joachim Roth, langjähriger Geschäftsführer des Studentenwerks Gießen.

ELEPHANTENKLO Nr. 170, 22. Mai 1984

DER SPRUCH DER WOCHE
"Und der Regen wird stärker, vereinzelt sind Blitze am Himmel, wahrscheinlich zieht ein Gewitter auf."
ZDF-Sportreporter Eberhard Figgemeier am 16.5.84 beim Europapokal-Endspiel Juventus Turin gegen FC Porto
(...)
Das Konzert findet auch nicht auf dem Schiffenberg, sondern wieder im VfB-Waldstadion statt (kein Wunder, daß die Gießener den Wiederaufstieg in die Amateurliga nicht packen), weil man auf dem Schiffenberg sonst 800 Meter Absperrung bauen müßte. Na und? frag ich. Hättet ihr bloß die Genossen von der DKP anhauen müssen, die hätten euch ruck-zuck eine 1A-Bauanleitung besorgt.
(...)


ELEPHANTENKLO Nr. 178, 11. September 1984

(...)
Ich versteh die Welt nicht mehr: Da setzt die Bundeswehr ihre Hubschrauber endlich mal nur zu zivilen Zwecken ein, und schon ist's wieder nicht recht. Sollen die ihre Dinger am Ende gar verschrotten?
Wie dem auch sei, jedenfalls hat der "Gießener Anzeiger" dem Aussichts- und Fotosafari-Flug eines BW-Hubschraubers über dem Nacktbadestrand am Heuchelheimer See gleich eine ganze verärgerte Seite gewidmet. Die Bundeswehr selbst wollte zu diesem Thema - lechz lechz - keine Stellung beziehen. Besonders empört zeigte sich der Giessener VFKK-Vorsitzende (Verein für Freikörperkultur) Hans Blank darüber, daß sich die Hubschrauberbesatzung dem Gelände angezogen (!) genähert habe.
Wie ich erfahren konnte, will die Bundeswehr im kommenden Jahr Gruppenrundflüge für Pauschalreisende anbieten (Bundeswehr-Jargon: "Lusthansa"). Stadtrat Schill überlegt bereits, ob er dieses Angebot auch in die Ferienpaß-Aktion für Kinder und Jugendliche aufnehmen will.

Gewohnt brutal begann auch dieses Jahr das "Deutsch-Amerikanische Freundschaftsfest". Mit wuchtigen Hammerschlägen stach OB Görnert in den Abendstunden des 30.8. ein Faß ab. Da auch 1984 das "Miteinander" der Gießener und der "hier lebenden" Amis "gestärkt" werden sollte, hatten Notärzte, Feuerwehr und Rotes Kreuz erneut erhöhte Alarmbereitschaft angeordnet. Da die Zahl der Rettungswagen im vergangenen Jahr nicht ausreichte, wurden in Wetzlar zwei weitere Notarztfahrzeuge ausgeliehen.*

Als "vollen Erfolg" bewerteten Sprecher der Gießener Friedensinitiativen die Ergebnisse des Versuchs, die vergangene Gießener "Friedenswoche" nicht nur für die Friedenstauben, sondern auch für die Friedensblinden und Friedensstummen attraktiv zu gestalten. Im kommenden Jahr soll dieser Versuch mit Hilfe des Verbandes der Friedensopfer (VdF) erneut durchgeführt werden.

Ein löbliches Unterfangen, meint
Dr. Muffel

* Siehe auch Kulturbrause aus E-Klo Nr. 152 vom 6. September 1983 (linke Spalte, gleiche Höhe).



ELEPHANTENKLO Nr. 188, 05. Februar 1985

So eine Uni-Fete ist ja ein großes Ding. Da kann man schon mal leicht den Überblick verlieren. Und Kebab ist schließlich Kebab, ob es nun von einer linken Kurden- oder Türken-Gruppe verkauft wird oder etwa von einem rechtsradikalen türkischen Kulturverein, dessen Vertreter zum Teil auch Mitglied bei den berüchtigten "Grauen Wölfen" sind. Wird ja wohl kaum Menschenfleisch sein, was die da verkaufen. Immerhin - als Linker 'kann man das nicht ganz so einfach hinnehmen. Die Typen rausschmeißen, nein, das geht nicht, die armen Kerle haben ja dann ihren ganzen Einkauf umsonst gemacht, nee... Aber ordentlich schröpfen sollte man sie dann. Also kassieren wir statt 25 DM Standgebühr für kommerzielle Stände halt ein paar Hundert. So, denen haben wir's aber gegeben! Dummerweise wollten die Kerle dann nicht soviel rausrücken. Vielleicht kann man ja die türkische Junta mal anschreiben deswegen. Oder die Typen beim nächsten Uni-Fest extra einladen und dann vorher kassieren, ha. Schert sich eh keiner drum. - Was kostet der AStA?
(...)
Selbstverständlich ist auch die Publizistik gezwungen, sich dem niedrigen Niveau eines Viertels der Gießener anzupassen - immerhin soll dieses Viertel ja das intelligenteste sein*. So serviert der Gießener Anzeiger auf seinen Kulturseiten die neuesten Informationen zum Tarzan-Remake-Kino-Hit "Grace Stoke"** und verkündet in einer Theaterrezension, die Zigarrenfabrik*** präsentiere zur Zeit ein Stück namens "Furcht und Elend der BRD****", welches Franz Xaver Kroetz in Anlehnung an das nahezu gleichnamige Werk von Bert Brecht verfaßt habe. Wo bleibt da der Kohl'sche Optimismus? Beim GA scheint die Vergangenheitsbewältigung eine Viergroschenoper zu sein.

Da fehlt nur noch die Information, daß Gießen nun endlich auch ein 0-8-15-Kulturblättchen mit einem bekömmlichen Eintopf aus "Kulturmix" und rot-grün-liberalem Aufblas-Journalismus erhalten soll, ganzseitige Marlboro-Reklame inclusive, versteht sich. Der Inhalt läßt sich im "Expreß"-Tempo zwischen zwei Hamburgern verdrücken, sofern man nicht zuviel Ketchup draufkleckert. Und weil nix drin steht, kostets auch nix. Zack, da fällt die Klappe.

"Kontakte" zur Bevölkerung suchen nach Aussage zweier US-Soldaten viele der zur Zeit im Manöver beschäftigten GIs. Leider würden sich zuwenige die Mühe machen, die deutsche Sprache zu erlernen, bedauerten in diesem Zusammenhang die beiden Manöver-Pressereferenten. Und so kann es einen nicht verwundern, wenn so mancher Versuch der Kontaktaufnahme kläglich scheitert, wie zum Beispiel derjenige, als am Sonntag, dem 27.1., ein US-Tankwagen in Nieder-Bessingen eine Wohnzimmerwand durchbrach (siehe GA vom 28.1.) und der Fahrer die Bewohner mit den Worten "Excuse me" anredete. Die weitere Verständigung scheiterte ebenfalls an Sprachproblemen. Und so bleibt den GIs nur das Vergnügen, per Manöver kostenlos die "Welt kennenzulernen". Auf diese Weise sei er im vergangenen Jahr in Honduras gewesen, bemerkte der US-Pressereferent, der sein Hauptquartier im "Sporthotel Wettenberg" hat. Und nächstes Jahr will er vermutlich nach Nicaragua reisen, gell. "Excuse me, Mr. Ortega! Would you please teach me the nicaraguan language?"*****

Wotze mätter hier?
fragt sich
Dr. Muffel

* Hier sind die Studenten gemeint, was sich aus dem hier ausgelassenen vorangehenden Text erschließt.
** Gemeint hat der GA natürlich "Greystoke".
*** Die "Zigarrenfabrik" war die zweite Spielstätte des Gießener Stadttheaters in der Ostanlage. Sie wurde Ende der 80er abgerissen.
**** Das Stück hieß und heißt noch immer "Furcht und Hoffnung der BRD".
***** Anfang 1985 war es über fünf Jahre her, daß die Sandinisten unter Daniel Ortega den nicaraguanischen Diktator Somoza gestürzt hatten. Anschließend mußten sie jahrelang gegen die von den USA unterstützten antirevolutionären "Contra"-Rebellen kämpfen. Eine US-Invasion schien jederzeit  möglich.